Buch: Joseph LeDoux, Das Netz der Gefühle

 

Wie bringt das Gehirn es zustande, dass wir Gefühle haben? Warum gehen Kopf und Bauch oft getrennte Wege? Wie enstehen Ängste, und warum können sie sich so hartnäckig halten, auch wenn uns bewusst ist, dass sie „irrational“ sind? Welche Verarbeitungsprozesse sind daran beteiligt, und wie werden sie vom Gehirn organisiert?

Diesen und vielen anderen Fragen geht Joseph LeDoux in seinem Buch „Das Netz der Gefühle“ nach. Emotionen waren viele Jahrzehnte lang ein Stiefkind einer kognitiv-behavioral ausgerichteten Psychologie. Neue technische Verfahren, um im Gehirn ablaufende Prozesse sichtbar zu machen, haben unser Verständnis über die emotionalen Mechanismen enorm erweitert und psychologische Theorien über Bewusstsein, Emotion und Kognition um entscheidende Erkenntnisse ergänzt. LeDoux fasst die Wege der Emotionsforschung von ihren Anfängen bis zur Gegenwart spannend und anschaulich zusammen, berichtet über Irrtümer und Durchbrüche.

Leichte Kost ist das Buch – jetzt schon ein Klassiker – dennoch nicht. Was hier beschrieben wird, ist komplex und fordert dem Leser Geduld und Vorstellungsvermögen ab – und die Bereitschaft, sich grundlegendes Wissen über den Aufbau des Gehirns anzueignen, das hier teils en passant vermittelt, teils vorausgesetzt wird. Wer sich die Zeit nimmt, das Buch gründlich zu lesen (am besten mehrmals), wird allerdings in mehr als einer Hinsicht belohnt: Was zu Beginn akademisch und trocken wirkt, führt im Verlauf der Lektüre zu Aha-Erlebnissen, die spannende Einblicke in die komplexen Verarbeitungsprozesse des Gehirns bieten. Für Praktiker in hohem Maße nützlich und relevant!

Ein Must-Read für alle, die die neurobiologischen Grundlagen des emotionalen Erlebens besser verstehen wollen – soweit die Neuroforschung sie bis jetzt erhellen konnte. Für Tierliebhaber sei noch eine Warnung angehängt: Viele der bahnbrechenden Erkenntnisse der Neurobiologie wurden und werden mit der teilweisen Zerstörung oder Beschädigung von Tiergehirnen erkauft. Mich beschlich ein ums andere Mal das nackte Grausen über die Versuchsanordnungen, die LeDoux im fröhlichen Plauderton beschreibt. Wie auch immer man dazu stehen mag, lohnenswert ist die Lektüre des Buches in jedem Fall.

Joseph LeDoux: Das Netz der Gefühle – Wie Emotionen entstehen, dtv 2001, 384 S., ISBN-13: 978-3423362535

 

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